Herr der Fliegen

Ich habe mich für die Küste entschieden. Die Plörre der Magdeburger Seenplatte oder vom Saale-Meer kommt zwar vermutlich irgendwann auch hier im Norden an. Aber die Einheimischen hier sind nicht so wehleidig wegen ein paar Litern Wasser mehr oder weniger im Teich.

Statt der geplanten Austern von der Île d’Oléron, Wein aus dem Bordeaux oder Käse aus dem Languedoc jetzt also Labskaus in Kühlungsborn. Andererseits einmal eine gute Gelegenheit für eine Woche Heimatkunde. Ich kenne den Norden der Republik viel zu wenig und freue mich auf viele neue Eindrücke – und als Trost gibts ja sicherlich Räucherfisch.

Ich habe mir also ein Ticket nach Rostock besorgt und bin mit einem frühen Zug in die MeckPom-Metropole gereist. Am ersten Ferienwochenende hatten viele Berliner die gleiche Idee. Mit Sack und Pack und Oma in die Ostseebäder.

Die Entscheidung ob ich links rum oder rechts rum fahre wollte ich vom Schiebewind abhängig machen. Der dann (erstmal. sic!) ausgeblieben ist. Also kurzerhand links rum gen Portugal oder so.

Links rum heißt erstmal durch Warnemünde. Für viele ist es der schönste Ort an der Ostsee; ich fürchte, ich hingegen verstehe das Konzept solcher Ferienorte nicht mal im Ansatz. Das beste an Warnemünde ist Karl’s Erlebniswelt. Für Berliner ein selbsterklärender Begriff, für alle anderen: Karl’s ist der Berliner Erdbeerversorger – ein gefühltes Monopol, aber definitiv die besten Erdbeeren der Welt der Stadt. Die Felder sind hier irgendwo bei Rostock und die Marke versucht derzeit an mehreren Standorte Ausflugsziele rund um die Erdbeere zu etablieren. Hallo? OK, es sind die besten Erdbeeren der Welt der Stadt aber Strawberry-Merchandising?

Nach einem perfekten Frühstück mit Schnittchen und Erdbeerkuchen sowie mit Blick auf die sich entladende Aida und einen Steinestapler ging es dann richtig los.

Die Kette immer rechts. Das Meer auch. Mal sehen, wann mir bei dieser Methode das Land ausgeht. Vielleicht komme ich in Dänemark raus. Nach ein paar km überlege ich nochmal, ob ich nicht doch ostwärts gen Wladiwostok fahre, inzwischen bläst es doch gut von vorne. Aber wieder durch Warnemünde schieben, nee. Das dreht doch bestimmt noch?

Es dreht nicht. Jedenfalls heute nicht. Die Radtouren in die Gegenrichtung haben sensationellen Rückenwind, ich beneide Euch! Mir kommen Seniorinnen auf Leihrädern entgegen (wir erinnern uns: Ortseebäder) und die pesen mir am Berg (ich runter) entgegen, dass es eine Freude ist. Mir hängt die Zunge bis zur Lenkertasche und habe das Gefühl, kaum vom Fleck zu kommen.

Erste Zwischenstation ist Wismar. Ich bin mit sehr leichtem Gepäck unterwegs. Kein Zelt, keine Küche und so Kram. Fremdversorgung gegen Geld ist angesagt. Die Pension hier hatte ein ‘Economy’-Zimmer. Wobei Economy heißt: keene Dusche. Wenn mich morgen also einer sucht, ich bin der mit den Fliegen. Und dann besser nicht direkt hinter mir fahren!

Jetzt geh ich Heimatkunde in Wismar machen. Und vielleicht finde ich ja auch noch ein Schwimmbad, das mich duschen lässt…