Highlander’s Capital

Die Geschichte mit dem Monster von Loch Ness geht ungefähr so: in den 1920ern oder 30ern wollte ein Journalist aus Rache die großen Londoner Zeitungen hopps nehmen. In seiner Lokalzeitung hatte er dazu eine Story samt Fotos über ein Seeungeheuer veröffentlicht. Die damals so spektakulären wie unscharfen Bilder hatte er mit Knetgummi und Fotomontage natürlich selbst erstellt. Aber es hat gereicht. Die Zeitungen in der Hauptstadt haben die Geschichte geschluckt und groß berichtet. Seither ist es ein Selbstläufer und war nicht mehr einzufangen.

Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen haben die Existenz einer Kreatur stets bezweifelt. Und etwa 50 Jahre nach der Story hat der inzwischen eingeweihte Neffe des Urhebers die Originale und andere Beweise für den Scherz offengelegt.

Es war also nicht nur absolut unwahrscheinlich, dass der See ein Monster beherbergt. Seit Jahrzehnten weiß man sogar, dass es sich um einen Hoax handelt.

Und trotzdem: hier in Inverness dreht sich alles um Nessy. Die Tagestouren sind Monster-Spotting, die Souveniers sind Plüsch-Ungeheuer und die Pubs hängen mit so vielen Zeitungsartikeln voll, dass es offenbar immer noch jede Woche eine Sichtung geben muss. Haha, diese leichtgläubigen Touristen… :)

Trotz allem war es bis vor kurzem wahrscheinlicher, dass Nessy zum Fotoshooting auftaucht, als dass Schottland seine Unabhängigkeit zurückerlangen könnte. Das ist inzwischen anders – und nicht nur wegen dem Monster.

In etwa drei Wochen stimmen die Schotten in einem Referendum darüber ab, ob sie nach über 300 Jahren Zugehörigkeit zum Königreich austreten wollen. Die Umfragen sind bei etwa 50:50, der Ausgang scheinbar absolut ungewiss. Es laufen zwei Kampagnen – “YES Scotland” und “better together”- die intensiv um jede Stimme kämpfen. In den ländlichen Highlands ist die Tendenz eindeutig und man möchte aus Groß- ein Kleinbritannien machen. Wenn man mit den Menschen spricht, ist es dabei nicht in erster Linie schottischer Nationalstolz, der sie bewegt. Sondern die Unzufriedenheit über die englisch geprägte Regierung. Schottland ist reich, wird aber lokal strukturell nur wenig entwickelt. Viele Schotten haben außerdem ein Problem mit der Anti-EU-Politik aus London. Die Gegner sind um ihre Renten besorgt und verweisen auf Probleme mit einer eigenen Währung. Ziemlich spannend und interessant.

Heute Nachmittag fahre ich mit dem Zug nach Glasgow weiter. Da ich noch ein paar Stunden Zeit habe, gehe ich doch mal zum Loch nachschauen. Da war so ein verdächtiger Schatten unter Wasser…